*Der heilige Lennon-Gral: Und die Filmbänder existieren doch!

Es kommt nicht oft vor, daß mich irgendwelche Neuigkeiten, auf die man ja bekanntlich regelmäßig in den Weiten des Internets stößt, vom Hocker reißen. Um ganz ehrlich zu sein passiert das sogar nie. Doch letztes Wochenende, als ich wie so oft ziel- und planlos im Netz surfte, stieß ich auf fünf Photos, die John Lennon im Studio zeigen. Es handelte sich ganz offensichtlich um Standbilder eines Videos. Aus der Hit Factory. August 1980. Sofort klingelte es bei mir: die Filmbänder, die seinerzeit vom Meister und seiner holden Gattin Yoko Ono angefertigt wurden, und angeblich seitdem nicht mehr aufzufinden sind, müssen somit doch existieren. BÄMM! Ich recherchierte weiter, und fand heraus, daß diese Bilder bereits im August 2014 das erste Mal im Internet auftauchten. Die Quelle, die durchaus interessant sein dürfte, konnte ich allerdings nicht aufspüren.

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Rock und Roll in der Hit Factory. Collage (c): Mäck

-Um was für Filmmaterial handelt es sich genau?

Jack Douglas, der die damaligen Aufnahmesessions, aus denen schließlich das Album Double Fantasy hervorging, leitete, beauftragte das Produktionsteam um Jay Dubin, der seinerzeit Fernsehcommercials herstellte, um John und Yoko im Studio zu filmen. Geplant war, das Material für kommende Videoclips zu verwerten.

Am 19.August 1980 dann hielten zwei Filmkameras die Geschehnisse in der Hit Factory fest. Es gilt heute als sicher, daß John und seine Musiker dessen brandneue Songs (Just Like) Starting Over und I’m Losing You live zum Besten gaben. John, der vor den Sessions offenbar seinen wachen Geist zusätzlich schärfte, indem er ein wenig Kokain zog (laut Beobachtungen seines Assistenten Fred Seaman), blühte auf und driftete in die 50er Jahre ab, und erfreute alle Anwesenden mit Coverversionen der alten Gassenhauer Dream Lover, Stay, Mystery Train und I’m A Man. Krotesk mutete McCartneys She’s A Woman aus dem Jahre 1965 an, das John auch anklingen ließ. Doch was solls, er hatte seinen Spaß. Außerdem hielt das Filmteam fest, wie Yoko sich anschickte, ihren Track I’m Moving On zu trällern. Die Sessions liefen bis halb vier Uhr in der Früh, und laut Seaman schien sein Arbeitgeber froh darüber zu sein, als alles vorbei war. Die kompletten Filmaufnahmen, von denen keine Kopien angefertigt wurden, überließ Dubin kurz darauf der wieselfleißigen Yoko, die das Material an sich nahm.

Jack Douglas, so sagte er Ende der 90er Jahre gegenüber einem Interviewer aus, hatte das Material zu sehen bekommen und schwärmte davon: „Ich habe mir das Filmmaterial angeschaut und ich sag‘ dir, daß es fantastisch war!“ Später fragte er John, was mit dem Video geschah und erhielt zwei verschiedene, unglaubwürdige Antworten: „Ich hab’s in der Badewanne versenkt“ und „ich hab’s in den Pool geschmissen“, waren Johns lapidare Erklärungen. Er meinte außerdem, daß er „zu dünn“ in den Aufnahmen rüberkäme, und war damit unzufrieden.

-Das Nachleben des Videos

Bis 1987 wußte die Öffentlichkeit nichts von diesen Filmbändern. Dann erschien ein Vinyl-Bootleg, der einen knapp 30-minütigen Auszug aus den Sessions brachte, in dem John zwischen den Songeinspielungen mit Jay Dubin über Kameraeinstellungen diskutierte. Aufmerksame Fans wurden hellhörig. Aber bereits 1983 erschienen schon kurze Ausschnitte in der von Yoko Ono autorisierten Fernsehdokumentation Yoko Ono: Then And Now, in der sie zu sehen war, wie sie sich bemühte, ihren Song I’m Moving On einzuspielen. Zusätzliche Bilder aus dieser Yoko-Sequenz wurden Ánfang der Neunziger Jahre im japanischen Fernsehen gezeigt. 1998, im Zuge der großangelegten CD-Box John Lennon Anthology hofften viele eingeweihte Fans, daß zumindest eine kleine Portion der Filmaufnahmen Bestandteil dieses Projekts sein würde, vielleicht als Videoclip oder als Teil einer Dokumentation, doch dem war nicht so. Ein Beatlesfan aus England fragte kurz darauf in Studio One nach, Yokos Büro im Dakota Building, und man erklärte ihm, daß keine Filmbänder existieren würden, die John im Spätsommer 1980 im Tonstudio zeigen. Andrew Solt, der 1988  die Dokumentation John Lennon: Imagine produzierte und freien Zugang zum opulenten Lenono-Filmarchiv hatte, wurde anscheinend auch nicht fündig. 2010, als die sogenannte Stripped-Down-Version von Double Fantasy auf den Markt kam, hoffte die Fangemeinde erneut, daß vielleicht jetzt das Material der Öffentlichkeit präsentiert werden würde, aber auch hier wurden sie enttäuscht.

Und nun, seitdem fünf Einzelbilder von John 2014 ins Netz gestellt wurden, kann davon ausgegangen werden, daß die Filmaufnahmen durchaus existieren. Es ist sogar anzunehmen, daß dieses Material aus einer Quelle stammt, die dem Nachlass Lennons nahestehen könnte. Wie auch immer, ob als Raubkopie oder offiziell aufpoliert: Fans in aller Welt würden Freudensprünge machen, wenn das Video endlich öffentlich zugänglich gemacht wird. Der heilige Gral, festgehalten wenige Wochen vor Johns Ermordung. Der Maestro bei der Arbeit. Man darf zumindest hoffen, daß der Tag vielleicht nicht mehr allzu fern ist.

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